Choraufstellungen –
Ein Überblick

D. Choraufstellung und Einstudierung

1. Methode nach Gordon

Einen mehrmaligen Wechsel der Choraufstellung im Verlauf der Einstudierung bis zur konzertanten Aufführung schlägt Gordon (1977, in Tocheff, 1990, S. 48) vor. Er führt dazu an, dass der Notentext zunächst in Stimmgruppen gelernt werden soll. Ein Wechsel zur gemischten Aufstellung diene der weiteren Vertiefung, während ein letzter Wechsel zurück zur Stimmgruppenformation die Wiedererlangung von Blending unterstütze. Gordon sieht gemischte Chorformationen als vorrangig pädagogische Methode und weniger als Aufführungs-Option.


2. Methode nach Estermann

Folgende Methode für Chöre bis ca. 24 Personen habe ich selbst entwickelt und bereits erfolgreich getestet. Vorrangiges Ziel war es dabei das Entstehen von Abhängigkeiten zu vermeiden.

 

    • Die Einstudierung neuer Töne findet in Quartettformation statt; einreihig in einem Halbkreis (siehe Abbildung 8).

      quartettforma-estermann
      Abb. 8: Estermann-Methode. Chorformation bei erster Einstudierung
  • Die Sänger der selben Stimmgruppe (hier Sopran) sitzen mit einigem Abstand zueinander und können sich bei der ersten Einstudierung ihrer Stimme somit gut selbst als auch noch einigermaßen gegenseitig hören.
  • Doch der größte Vorteil stellt sich für den Chorleiter dar: in dieser Formation ist es möglich jeden einzelnen Sänger einer Stimmgruppe gesondert wahrzunehmen.
  • Sänger die Probleme haben fallen ihm so deutlich besser auf als in Stimmgruppen-Formationen.
  • Die Konsequenz: Eine Stelle wird jeweils so lange geprobt  bis alle Sänger einer Stimmgruppe mit der  Stelle sicher sind.
  • Später ist es ratsam für Blending und Balance innerhalb der Stimmgruppe in eine Stimmgruppen-Formation zu wechseln. Nun können aber alle Sänger bereits ihre Stimme eigenständig und sicher darbieten.
  • Während man zu Beginn etwas mehr Zeit einplanen muss, weil man so von jedem einzelnen Sänger einfordern kann, sollte „der Feinschliff“ danach vergleichsweise schnell gehen, da alle Sänger sicher ihre Stimmen beherrschen und ihre Aufmerksamkeit leichter auf andere Aspekte (z.B. Dynamik und Ausdruck) lenken können.
  • Anmerkung: Für manche Chorsänger ist es sehr ungewohnt oder sogar unangenehm, sich selbst so gut zu hören. Sprechen sie es an, gehen sie auf diese Ängste ein, loben sie den Mut der Sänger. Machen sie klar, dass es sehr gewinnbringend sein wird, das anfängliche Unbehagen zu überwinden.

6 Gedanken zu „Choraufstellungen –
Ein Überblick“

  1. Ist es sinnvoll, wenn große Sänger in einem Männerchor ständig in der ersten Reihe stehen. Ich glaube kaum, da sie damit den Sichtkontakt der dahinten stehenden Sänger hindern. Außerdem verpufft dahinter die Stimmqualität der der hinter ihnen stehenden Sänger.

    1. Wenn die hintere Reihe von der Vorderreihe verdeckt wird, ist das weder optisch noch akustisch optimal. Nach Möglichkeit sollte man so versetzt stehen, dass jeder Sichtkontakt zum Dirigierenden aufnehmen kann. Bei gleichzeitiger Erhöhung der hinteren Reihe trägt es nachweislich zu einem besseren Chorklang bei.
      Sollte die Erhöhung aber durch die örtlichen Begebenheiten — z. B. keine Chorpodeste — nicht möglich sein, könnte man in der Tat erwägen, die Chorsänger nach Körpergröße zu platzieren, sofern die Stimmgruppen beibehalten werden können.
      Der ein oder andere wird allerdings Zeit brauchen um sich an seine neue Position zu gewöhnen. Das darf man nicht unterschätzen.
      Sprechen Sie Ihre Bedenken doch einfach bei Ihrer/m Chorleiter/in an. Entweder verweist sie/er auf triftige Gründe für diese Art der Choraufstellung oder nimmt ihren Impuls dankbar an.

  2. Ich habe kürzlich einen neuen Chor übernommen und die haben eine sehr seltsame Aufstellung, die ich vorher noch nicht kannte:
    Hinten: Männer (der Chor ist derzeit nur dreistimmig)
    Vorne: Alt Sopran

    Alt und Sopran sind also vertauscht. Ist das sinnvoll? Oder wäre die klassische Choraufstellung besser? Herzlichen Dank für die Antwort, Elisabeth Pütz

    1. Entschuldigen Sie bitte meine späte Reaktion. Ich denke, dass es bei Ihrem dreistimmigen Chor keinen Unterschied macht. Vierstimmige Chöre werden gerne so platziert, dass Außenstimmen – im gemischten Chor Sopran und Bass – voreinander stehen. Man erhofft sich davon, dass sich dadurch die Intonation stabilisiert, da der Sopran den Bass besser hören und zu ihm intonieren kann. Wenn die Männer aber ohnehin einstimmig singen, steht der Sopran sowieso immer vor der tiefsten Stimme. Insofern ist es nicht relevant, ob sie als Sopran/Alt oder Alt/Sopran vor dem Bass platziert sind. Es ist bzw. war lediglich für Sie eine Umstellung. Und das scheint mir einfacher realisiebar zu sein, als wenn sich zwei Stimmgruppen an eine neue Aufstellung gewöhnen müssen.
      Manchmal möchte man aber gerade dadurch „neuen Schwung“ reinbringen. Daher würde ich Sie dazu ermutigen wollen, durchaus mit neuen Aufstellungen zu experimentieren. Im obigen Artikel finden Sie vielleicht einige Anregungen für jene Aspekte, an denen Sie gerade mit Ihrem Chor arbeiten; sei es Intonation, Chorklang oder eine erleichterte Stimmproduktion.

  3. Vielen Dank für diese ausführliche Liste über Choraufstellungen und Ihren Blog. Ich hoffe Sie haben nichts dagegen, wenn ich meine Schüler auf Ihre Seite verweise. Manchmal ist es nämlich gut wenn man sich einen größeren Überblick über ein Thema verschafft, um die Unterkategorien besser einordnen zu können. Hier ist Ihnen das sehr gelungen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.