Choraufstellungen –
Ein Überblick

Dieser Artikel beinhaltet eine überarbeitete Fassung eines wichtigen Abschnitts meiner Zulassungsarbeit zum Thema „Leistungsunterschiede im Laienchor“ vom April 2013.

Der Artikel umfasst 5 Seiten. Die verwendete Literatur findet sich auf der letzten Seite.


A. Einleitung

Die herangezogene Original-Literatur ist oftmals englischsprachig. Um den Lesefluss nicht zu stören habe ich mich um eine sinngemäße Übertragungen der Fachtermini ins Deutsche bemüht. Aufgrund der Übertragung besteht allerdings Verwechslungsgefahr zwischen den Begriffen Choraufstellung (engl.: choir/seating arrangement) und Chorformation (engl.: choir formation). Eine bestimmte Choraufstellung resultiert dabei aus der Wahl der Chorformation (z.B. Stimmgruppen-Formatiom im Halbkreis) und der Bestimmung weiterer Parameter wie z.B. Abstände zwischen den Chormitgliedern. Choraufstellung ist umfassender als der Begriff Chorformation und ihm übergeordnet.
Eine Änderung der Choraufstellung kann grundsätzlich drei Motivationen entspringen:
  1. Die Satztechnik des Stücks erfordert eine bestimmte Aufstellung (z.B. doppelchörig)
  2. Ein dramaturgisch-optischer und/oder -akustischer Effekt soll erreicht werden (häufig bei Jazz/Rock/Popchören zu beobachten).
  3. Der Lernprozesses soll durch eine bestimmte Choraufstellung begünstigt werden.
  4. Ein besserer Chorklang soll erzielt werden.

Die Erfordernisse bestimmter Satztechniken (1.) und dramaturgische Effekkte (2.) sollen kein Gegenstand der weiteren Betrachtungen sein. Inwiefern Methoden der Choraufstellung die Qualität und Geschwindigkeit des Lernprozesses (2.) begünstigen und Einfluss auf den Chorklang (3.) haben, wird im Verlauf des anschließenden Überblicks dargestellt.

B. Exkurs: Chorklang

Bestimmte Methoden der Choraufstellung zielen darauf ab, solche Parameter positiv zu beeinflussen, die zu einem guten Chorklang beitragen.
Die wichtigsten Parameter sollen zunächst kurz definiert werden, um im weiteren Textverlauf keine Missverständnisse zu verursachen.

1. Chorische Intonation

Chorische Intonation wird als der Prozess definiert, die richtige Tonhöhe zu singen und die Tonalität zu bewahren (Triplett, 1971 in Tocheff, 1990, S. 31). Für einen befriedigenden Chorklang muss also sowohl die Intonation innerhalb der Chorstimme als auch die Intonation der einzelnen Chorstimmen zueinander gelingen. Mögliche Gründe für schlechte chorische Intonation sind zahlreich. Heffernan (1982; in Tocheff, 1990, S. 32) führt unter anderem diese Faktoren auf: (1) schlechte Stimmgebung, schlechte Haltung, fehlende Atemstütze und Körperspannung; (2) Unsicherheit mit der Größe der zu singenden Intervalle; … (6) nicht-kompatible Stimmen singen zusammen …(11) schlechte Hörbarkeit anderer Chormitglieder.

2. Blending

Der englische Begriff „blending“ bezeichnet die Leistung der Chorsänger den eigenen Gesang mit anderen Stimmen zu einer einheitlichen Klangfarbe mischen können. In homophoner Satztechnik gilt dies in Bezug auf den ganzen Chor, bei polyphonen Passsagen vor allem zur eigenen Stimmgruppe.
Geübte Chorsänger können ihren Grundklang bis zu einem gewissen Grad manipulieren um sich in den Chorklang einzupassen. Die individuelle Anatomie des Vokaltrakts jedes Menschen setzt aber auch Grenzen bei der Mischfähigkeit. So gibt es naturgemäß Stimmen, die sich besser oder schlechter miteinander mischen.

3. Balance

Mit Balance ist die Ausgewogenheit der Lautstärke zwischen den Stimmgruppen und auch innerhalb einer Stimmgruppe gemeint; bei letzterem soll kein Sänger bezüglich seiner Lautstärke aus seiner Stimmgruppe herausstechen. Die Balance zwischen den Stimmgruppen ist differenzierter, da hier auch satztechnische Maßgaben zu berücksichtigen sind (z.B. Die Melodie liegt nicht in der Oberstimme). Voraussetzung für eine gute Balance ist, wenn die  Bezugsgruppe für den einzelnen Sänger gut hörbar ist, während er sich auch selbst noch gut hören kann.

4. Freie Tonproduktion

Die Qualität des Chorklangs resultiert nicht nur aus den genannten Aspekten, sondern wird auch von der Leichtigkeit der Tonproduktion beeinflusst. Je leichter die Tonproduktion jedem einzelnen Sänger fällt, desto mehr profitiert der Chorklang hinsichtlich gefälliger Klangfarben und des dynamischen Potentials. Eine freie Tonproduktion ist freilich auch Voraussetzung für das Gelingen längerer Chorproben oder Aufführungen.

6 Gedanken zu „Choraufstellungen –
Ein Überblick“

  1. Ist es sinnvoll, wenn große Sänger in einem Männerchor ständig in der ersten Reihe stehen. Ich glaube kaum, da sie damit den Sichtkontakt der dahinten stehenden Sänger hindern. Außerdem verpufft dahinter die Stimmqualität der der hinter ihnen stehenden Sänger.

    1. Wenn die hintere Reihe von der Vorderreihe verdeckt wird, ist das weder optisch noch akustisch optimal. Nach Möglichkeit sollte man so versetzt stehen, dass jeder Sichtkontakt zum Dirigierenden aufnehmen kann. Bei gleichzeitiger Erhöhung der hinteren Reihe trägt es nachweislich zu einem besseren Chorklang bei.
      Sollte die Erhöhung aber durch die örtlichen Begebenheiten — z. B. keine Chorpodeste — nicht möglich sein, könnte man in der Tat erwägen, die Chorsänger nach Körpergröße zu platzieren, sofern die Stimmgruppen beibehalten werden können.
      Der ein oder andere wird allerdings Zeit brauchen um sich an seine neue Position zu gewöhnen. Das darf man nicht unterschätzen.
      Sprechen Sie Ihre Bedenken doch einfach bei Ihrer/m Chorleiter/in an. Entweder verweist sie/er auf triftige Gründe für diese Art der Choraufstellung oder nimmt ihren Impuls dankbar an.

  2. Ich habe kürzlich einen neuen Chor übernommen und die haben eine sehr seltsame Aufstellung, die ich vorher noch nicht kannte:
    Hinten: Männer (der Chor ist derzeit nur dreistimmig)
    Vorne: Alt Sopran

    Alt und Sopran sind also vertauscht. Ist das sinnvoll? Oder wäre die klassische Choraufstellung besser? Herzlichen Dank für die Antwort, Elisabeth Pütz

    1. Entschuldigen Sie bitte meine späte Reaktion. Ich denke, dass es bei Ihrem dreistimmigen Chor keinen Unterschied macht. Vierstimmige Chöre werden gerne so platziert, dass Außenstimmen – im gemischten Chor Sopran und Bass – voreinander stehen. Man erhofft sich davon, dass sich dadurch die Intonation stabilisiert, da der Sopran den Bass besser hören und zu ihm intonieren kann. Wenn die Männer aber ohnehin einstimmig singen, steht der Sopran sowieso immer vor der tiefsten Stimme. Insofern ist es nicht relevant, ob sie als Sopran/Alt oder Alt/Sopran vor dem Bass platziert sind. Es ist bzw. war lediglich für Sie eine Umstellung. Und das scheint mir einfacher realisiebar zu sein, als wenn sich zwei Stimmgruppen an eine neue Aufstellung gewöhnen müssen.
      Manchmal möchte man aber gerade dadurch „neuen Schwung“ reinbringen. Daher würde ich Sie dazu ermutigen wollen, durchaus mit neuen Aufstellungen zu experimentieren. Im obigen Artikel finden Sie vielleicht einige Anregungen für jene Aspekte, an denen Sie gerade mit Ihrem Chor arbeiten; sei es Intonation, Chorklang oder eine erleichterte Stimmproduktion.

  3. Vielen Dank für diese ausführliche Liste über Choraufstellungen und Ihren Blog. Ich hoffe Sie haben nichts dagegen, wenn ich meine Schüler auf Ihre Seite verweise. Manchmal ist es nämlich gut wenn man sich einen größeren Überblick über ein Thema verschafft, um die Unterkategorien besser einordnen zu können. Hier ist Ihnen das sehr gelungen!

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